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Gesund leben

Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute

Lisa von Prondzinski · 27.08.2025

Hören Sie auf Ihr Herz! Foto: top images/stock.adobe.com

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Woran erkennt man einen Herzanfall? Erleiden ihn Männer und Frauen anders? Was passiert im Notfall? Ein Gespräch mit einer Kardiologin und eine kompakte Anleitung zur Herzdruckmassage.


Sie können den folgenden Beitrag auch als Podcast hören.

Das Herz: ein Organ, ein Muskel und das Zentrum des Blutkreislaufs. Es leistet Schwerstarbeit. Beim gesunden Erwachsenen pumpt es täglich bis zu 10.000 Liter Blut durch die Adern – bis in die kleinsten Verästelungen, die sogenannten Kapillaren – und versorgt den Körper so mit Sauerstoff und Nährstoffen. Wie ein Kranz wird der Herzmuskel von Herzkranzgefäßen, den Koronar-Arterien, umschlossen. Sie liefern der „Pumpe“ selbst ununterbrochen sauerstoffreiches Blut, damit sie richtig arbeiten kann.

Was ist ein Herzinfarkt?

Bei einem Herzinfarkt, medizinisch Myokardinfarkt genannt, wird dieser wichtige Blutfluss zum Herzmuskel unterbrochen. „Ein Herzinfarkt liegt dann vor, wenn es plötzlich zu einem Verschluss eines – oder schlimmstenfalls mehrerer – Herzkranzgefäße kommt, meist durch ein kleines Blutgerinnsel. Danach bekommt das Herz zu wenig Sauerstoff und Herzmuskelzellen sterben ab“, erklärt Professor Dr. Achim Vogt, Kardiologe im Kardiozentrum Köln. Dieser nicht wiedergutzumachende Schaden beginnt nach etwa einer Stunde; nach sechs bis zwölf Stunden Unterversorgung ist der Muskel abgestorben.

Ob es sich um einen „schweren“ oder „leichten“ Anfall handelt, hängt unter anderem davon ab, ob eine große Arterie oder nur ein kleiner Seitenast verstopft ist. Und davon, wie lange es dauert, bis die Blutversorgung wiederhergestellt ist. „Je mehr Zellen absterben und je größer das abgestorbene Areal ist, desto stärker wird das Herz geschädigt“, so Prof. Vogt weiter. Das kann dann zu akuten, lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand führen. Oder später zu einer Herzschwäche, der Herzinsuffizienz. Anders ist es bei einer schnellen Behandlung: Dann kann sich das Herz sogar wieder ganz erholen.

Das Herzinfarkt-Risiko steigt mit dem Alter an. Im Laufe des Lebens können sich Ablagerungen, sogenannte Plaques, in den Herzkranzgefäßen bilden und diese verengen. Erste Symptome sind typischerweise Brustschmerzen, Kurzatmigkeit und Schwäche – oft wird dann eine chronische koronare Herzkrankheit (KHK) diagnostiziert. In Deutschland sind davon über fünf Millionen Menschen betroffen. Meist liegt die KHK dem Herzinfarkt zugrunde. Zwar sind Patienten, die heute zum ersten Mal einen Herzinfarkt bekommen, im Durchschnitt älter als früher. Doch insgesamt sind in Deutschland jedes Jahr mehr als 220.000 Menschen davon betroffen, bis zu 50.000 von ihnen sterben unmittelbar daran.

Symptome nicht immer eindeutig

Leider werden die ersten Warnzeichen eines Herzinfarktes oft nicht erkannt. Denn die Symptome können vielfältig und nicht immer eindeutig sein. Hinzu kommt, dass Männer oft andere Beschwerden haben als Frauen (siehe Interview). Typisch und besonders alarmierend sind starke, anhaltende Schmerzen im vorderen oder auch hinteren Brustkorb, die als Brennen, Stechen oder Engegefühl empfunden werden. Häufig strahlen die Schmerzen in den linken Arm, die Schulter, den Hals, den Unterkiefer oder den Oberbauch aus.

Auch Atemnot, Kreislaufprobleme und Todesangst können auftreten. Besonders tückisch ist der sogenannte stumme Herzinfarkt. Die Betroffenen spüren ihn einfach nicht. Besonders bei Diabetikern ist das so. Kardiologe Vogt erklärt den Grund dafür: „Ihr Schmerzempfinden kann durch geschädigte Nerven gestört sein, so dass sie nichts merken.“ Oft wird ein stummer Herzinfarkt erst Jahre später zufällig entdeckt. Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung birgt er aber langfristig ein ebenso hohes Sterberisiko wie ein klassischer Herzinfarkt.

Unverzüglich die 112 rufen

„Dauern plötzlich auftretende Schmerzen länger als fünf Minuten an oder treten sie in bisher unbekannter Intensität auf, sollte sofort der Notarzt gerufen werden“, appelliert Prof. Vogt. Der Betroffene sollte sofort mit erhöhtem Oberkörper liegen oder sitzen, enge Kleidung sollte ausgezogen und das Fenster geöffnet werden. Bei plötzlichem Herzstillstand müssen Anwesende sofort mit der Herzdruckmassage beginnen. Der Rettungswagen fährt am besten direkt die nächste Brustschmerzambulanz, die Chest Pain Unit, an. Dort versuchen Ärzte, das verschlossene Herzkranzgefäß schnell durch einen Eingriff per Herzkatheter und das Einsetzen eines „Stents“ zu öffnen. Diese kleine Gefäßstütze aus Metall verhindert, dass sich das Gefäß an dieser Stelle erneut verschließt. Ist dies nicht möglich, kommen Medikamente oder eine „Bypass“-Operation in Frage. In diesem Fall wird eine künstliche Umleitung um den verschlossenen Gefäßabschnitt gelegt.

Vorbeugung durch Ernährung und Bewegung

Erbliche Vorbelastungen, das Alter und Geschlecht stellen unbeeinflussbare Risiken für einen Herzinfarkt dar. Auch Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Übergewicht gefährden die Herzgesundheit. Aber jeder kann selbst einiges zur Vorbeugung tun. So spielen Ernährung und Bewegung eine wichtige Rolle. Wissenschaftliche Studien belegen die vorbeugende Wirkung der sogenannten mediterranen Ernährung. Dabei kommen Fisch, Salate, Nüsse, Obst, viel Gemüse und pflanzliche Öle auf den Teller.

Zusätzlich ist es ratsam, Übergewicht loszuwerden. Für die regelmäßige körperliche Aktivität empfehlen Experten mindestens drei- bis fünfmal wöchentlich 30 Minuten moderate Bewegung, wie zügiges Spazierengehen, Wandern oder Schwimmen. Und bei Stress sollte man für ausreichend Entspannung sorgen. Dazu eignen sich beispielsweise Ausflüge in die Natur oder Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Tai-Chi oder Progressive Muskelentspannung.

Zu den größten Risiken zählt das Rauchen. Erfreulicherweise kann selbst ein langjähriger Raucher von einem Rauchstopp profitieren. Laut der Deutschen Herzstiftung sinkt nach nur fünf Jahren das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, um fast die Hälfte. Viele Krankenkassen geben dazu Tipps und bezuschussen Sport-, Entspannungs- und Entwöhnungskurse.

Was zahlt die Krankenkasse?

Auch Vorsorgeuntersuchungen sind wichtig. In der Regel ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen alle drei Jahre bestimmte Untersuchungen zur Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ab dem 60. Lebensjahr werden Blutdruck- und Cholesterinmessungen sowie ein Blutzuckertest in kürzeren Abständen empfohlen. Bei der eigenen Krankenkasse erfährt man, was zum Gesundheitscheck ab sechzig gehört. Bei Verdacht auf Verengungen der Herzkranzgefäße bieten die Krankenkassen inzwischen statt einer Herzkatheteruntersuchung die schonendere Computertomographie an. Angst vor schlechten Nachrichten ist dabei der falsche Berater. Denn früh erkannt, kann rechtzeitig gegengesteuert und die Lebenszeit verlängert werden.


Foto: Sarah Kastner Fotografie

Fragen an Dr. Lena Marie Seegers, Kardiologin und Forscherin, Leiterin der Frauen-Herzambulanz am Herz- und Gefäßzentrum des Universitätsklinikums Frankfurt/Main:

Frau Seegers, wie macht sich ein Herzinfarkt bei Frauen bemerkbar?

Das hängt vom Alter und der Konstitution der Patientinnen sowie von den Begleiterkrankungen ab. Häufig berichten Frauen von anderen Beschwerden, zum Beispiel nur im Oberbauch, im Rücken oder im Kiefer- und Halsbereich. Sie nennen zudem eine größere Fülle von Symptomen, wie: „Ich fühle mich schon den ganzen Tag nicht gut und bekomme nicht mehr richtig Luft. Und es zieht in beiden Armen. Ich habe Kieferschmerzen und irgendwie fühle ich mich, als säße ein Elefant auf meiner Brust.“ Ich hatte zum Beispiel einmal eine Patientin, die ich nach Brustschmerzen fragte, und sie sagte: „Nein, nein. Ich hatte nur ein Engegefühl.“ Doch medizinisch gesehen ist beides dasselbe. Das Problem ist, bei einem Herzinfarkt bleibt nicht viel Zeit, es muss schnell gehen.

Wird der Herzinfarkt bei Frauen genauso schnell behandelt wie bei Männern?

Derzeit leider noch nicht, weil er immer noch zu spät erkannt wird. Deshalb haben Frauen nach einem Herzinfarkt schlechtere Überlebenschancen. Frauen erhalten auch viel seltener eine leitliniengerechte Therapie. Interessant ist, dass sie die Symptome zwar früher bemerken als Männer, aber oft versuchen, die Beschwerden selbst zu bewältigen. So kommen sie erst später in die Notaufnahme.


Eine Herzdruckmassage ist lebensrettend. Foto: Photographee.eu/stock.adobe.com

Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt: sofort die 112 anrufen!

Anleitung zur lebensrettenden Herzdruckmassage:

1. Knien Sie sich hin und beugen Sie sich über den Oberkörper der Person.

2. Setzen Sie einen Handballen auf die Mitte des Brustbeines, pressen Sie die andere Hand darauf. Drücken Sie das Brustbein mit gestreckten Armen und Ihrem Gewicht mit aller Kraft nach unten, etwa 6 Zentimeter tief, mit einem sehr hohen Tempo. Ideal sind 100 Stöße pro Minute. Dazu hilft der Takt von Songs wie „Staying alive“ oder „Yellow submarine“.

3. Nicht aufhören, bis das Rettungsteam eintrifft!
Wenn Sie zu erschöpft werden, wechseln Sie sich mit anderen Helfern ab. Wichtig: Die Herzstiftung empfiehlt ausdrücklich, keine Mund-zu-Mund-Beatmung durchzuführen.

Deutsche Herzstiftung: Informationsservice: 069 / 95 51 28-400 (Mo–Fr 9–16 Uhr)
Mit Herzinfarkt-Risiko-Test und Online-Sprechstunde auf www.herzstiftung.de

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Tags: Herz-Kreislauf-Stillstand , Herz-Lungen-Wiederbelebung , Herzanfall , Herzdruckmassage , Herzinfarkt , Prävention , Reanimation , Symptome , Wiederbelebung

Kategorien: Gesund leben